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Die Geschichte hinter dem IS

Die Geschichte hinter dem IS

Wenn wir in den Nahen Osten schauen, fragen wir uns oft: Wie konnte der Islamische Staat dort so plötzlich auftauchen und Gebiete einnehmen? Und was geht dort im Moment vor sich, wo die Weltöffentlichkeit ihren Blick wieder abgewandt hat?

Um diese Fragen zu beantworten und ein wenig mehr Licht in dieses Thema zu bringen, luden wir den ehemaligen ARD-Korrespondenten Jörg Armbruster ein, im Rahmen eines Vortrags von seinen Erfahrungen zu berichten. Über 400 Studierende und Interessierte kamen, um mehr zu erfahren und Fragen zu stellen. Angekündigt unter dem Titel „Vormarsch des IS“ erklärte Armbruster aus jahrelanger Erfahrung im Nahen Osten, wo der Islamische Staat seine Wurzeln hat, dass er gar nicht so plötzlich auftauchte, wie in den westlichen Medien oft angenommen, und wie diese relativ kleine Truppe es schaffen konnte, gestandene Armeen in die Flucht zu treiben.

Ausgangslage war das Ende des Irakkriegs der Amerikaner im Jahre 2003. Sie entließen die irakischen Truppen, die für sie gekämpft hatten. Diese standen jedoch nun ohne Arbeit und Einkommen da. Aus dieser Notlage zogen sie sich in den Untergrund zurück, um dort schließlich einen Ableger von Al-Qaida zu gründen. Der daraus entstandene Bürgerkrieg, der 2006 in der Zerstörung eines wichtigen Shiiten-Heiligtums gipfelte, gilt laut Armbruster als der „Ursprung des IS“.

Verschiedene sunnitische Stammesmilizen schlossen sich nun mit den Amerikanern zusammen, um gegen Al-Qaida zu kämpfen, und wurden von ihnen bezahlt und mit Waffen ausgestattet. Der damalige irakische Regierungschef Maliki, ein Shiit, versprach die Kämpfer danach in die staatliche Armee aufzunehmen und zu versorgen. Als nun allerdings der Einsatz der Amerikaner 2010 beendet war, löste Maliki sein Versprechen nicht ein. So geschah es, dass diese Kämpfer (bestens von den USA ausgerüstet) in den Untergrund gingen und sich Al-Qaida anschlossen. Gemeinsam kämpften sie in Syrien, allerdings nur mit dem vagen Ziel, möglichst viel Land unter ihre Kontrolle zu bekommen und dabei den Kampf gegen Regierungstruppen zu üben, wie sie es auch im Irak vorhatten. 2014 spaltete sich dieses Bündnis, da auch Al-Qaida der Meinung war, wie Armbruster es formulierte: „Die sind uns zu radikal.“

Von da an begann der Siegeszug des IS, innerhalb von vier Tagen eroberten sie Mossul, die zweitgrößte Stadt des Irak. Von den angeblich 30.000 Soldaten, die die Stadt verteidigen sollten, existierten 10.000 nur auf dem Papier, die meisten anderen brachten sich in Sicherheit und die, die das nicht taten, wurden hingerichtet. So konnte der IS Unmengen an Waffen und Fahrzeugen erbeuten, denn die Irakische Armee war zuvor auch von den Amerikanern ausgerüstet worden.

„Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Schützengraben und sehen vor sich eine Staubwolke, die auf Sie zu rast. Daraus lösen sich die schnellen Fahrzeuge (gepanzerte Humvees des IS) und Sie haben nur Ihre Kalaschnikow, um dagegen anzukämpfen.“ So beschrieb Armbruster die Situation der Peschmerga, die im Norden das Gebiet der Kurden gegen die IS-Kämpfer verteidigten.

Was macht allerdings den IS so erfolgreich?

Armbruster bezeichnete ihn als „best ausgerüstete, reichste und höchst motivierte Terrororganisation der Welt.“ Durch die Eroberung von mehreren Zentralbanken und ergiebigen Erdölfeldern konnten sie eine Menge Waffen und Geld beschaffen, um ihre Kämpfer auszurüsten und zu bezahlen. Diese erhalten unter anderem Prämien fürs Kämpfen und finanzielle Beihilfe zur Familiengründung. Aber auch in den eroberten Gebieten, besonders in den Städten, setzt der IS die Bezahlung von Löhnen und Gehältern in der Verwaltung und in Krankenhäusern fort. Auch das Internet spielt im Vormarsch des IS eine wichtige Rolle. Einerseits ist es Informations- und Propagandaquelle für die Anhänger, andererseits schüren diese Informationen und Bilder Angst bei den Feinden. So beschrieb Armbruster die Situation einer jungen Christin, die vor dem IS floh: „Wir wussten, was uns blüht.“ Der IS benutze den Horror „als Bugwelle, die alles vertreibt und wegweht“, noch bevor die Kämpfer wirklich da seien.

Was kann den nun gegen diese unglaubliche Macht getan werden?

Erst vor Kurzem gab es die Meldung, dass Tikrit aus den Händen des IS zurückerobert worden sei, doch auch dies scheint kein Grund zur Hoffnung. Es waren nicht die staatlichen Truppen gemischt aus Sunniten und Shiiten, sondern eine rein shiitische Kämpfergruppe, entstanden und ausgebildet im Iran. Durch diese „Befreiungsaktion“ wurde Tikrit nahezu komplett zerstört und es bleibt fragwürdig, ob dies auch in anderen Städten versucht werden soll.

Eine Möglichkeit, den IS zu schwächen, wird auch schon erfolgreich angewandt: Mit ihrer Erdöl-Politik halten die USA den Ölpreis niedrig, um den Verkauf und Schmuggel von gefördertem Öl für den IS unrentabel zu machen. Außerdem wurden Ölfelder und Stellungen aus der Luft bombardiert. Zusätzliche Bodentruppen könnten weitere Erfolge liefern, aber darauf konnte man sich international noch nicht einigen. Deshalb meinte Armbruster: „Der IS wird im Irak weiter bestehen.“

Beunruhigend bleibt außerdem, dass sich die Denkweise weiter verbreitet und ein Netzwerk in verschiedenen Staaten bildet. Insbesondere in sogenannten „failed states“, also Staaten, in denen die Regierung weitestgehend die Kontrolle über das Land verloren hat. Dazu zählen zum Beispiel Somalia, Ägypten, Afghanistan oder auch die Philippinen. Der IS scheint bei dieser Entwicklung als „Ideenlieferant“ zu fungieren.

 

Nach dem Vortrag schien gar nicht genug Zeit zu sein, um alle aufkommenden Fragen zu beantworten. Auch nachdem die Fragerunde beendet und Jörg Armbruster mit Dank und Applaus offiziell verabschiedet worden war, versammelten sich vor dem Podium noch einige Neugierige, die mit ihm weiter über das Thema sprachen, Fragen zur Arbeit als Auslandskorrespondent stellten oder auch einfach nur ein Foto machen wollten.

Wir von Polimotion freuen uns, dass sowohl die Studierenden als auch unser Gast an diesem Abend Spaß daran hatten, sich auszutauschen und zu informieren. Vielen Dank an alle, die da waren und diesen Abend zu einem großen Erfolg gemacht haben.

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